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Internationale Paneuropa-Union

Europa gestalten, nicht bloss verwalten

Die 47. Paneuropa-Tage der Paneuropa-Union Deutschland fanden vom 18. bis 20. Juni 2021. unter der Schirmherrschaft von Jean-Claude Juncker, ehem. Präsident der EU-Komission in Trier und im Großherzogtum Luxemburg statt.

In der Trierer Europahalle zeichnete die 1922 gegründete älteste europäische Einigungsbewegung den ehemaligen Präsidenten der EU-Kommission Jean-Claude Juncker mit der Sonderstufe der Paneuropa-Verdienstmedaille aus.

Sowohl Juncker als auch der Präsident der Paneuropa-Union Deutschland, der CSU-Europapolitiker Bernd Posselt, übten deutliche Kritik am derzeitigen Zustand der EU, die sie durch Ausbau zu einer echten supranationalen Demokratie auch außen- und sicherheitspolitisch massiv stärken wollen.

Posselt rief das Europaparlament und vor allem die derzeitige EU-Kommission dazu auf, mehr Geschlossenheit und Kampfkraft gegenüber dem Nationalegoismus der Mitgliedstaaten an den Tag zu legen. Wer die europäische Rechtsgemeinschaft aushöhle, lege die Axt an die Durchsetzungsfähigkeit Europas insgesamt an.

Juncker bemängelte die Vorgänge nach der letzten Europawahl, als der erfolgreiche Spitzenkandidat Manfred Weber nicht Kommissionspräsident wurde: „Zuerst hat man im Europaparlament dicke Backen gemacht und sich dann auf den Bauch gelegt vor den Regierungen, die ihre Macht zurückerobern wollen.“ Die Enttäuschung darüber müsse nun genutzt werden, um einen Integrationsschub in Europa herbeizuführen. „Die maßgeblichen Kräfte müssen sich wieder auf den Konsenskorridor einigen, der die EU stark gemacht hat: Menschenrechte, soziale Verantwortung und Respekt vor den europäischen Rechtsregeln.“

Mitreißende Reden hielten auch die beiden führenden Repräsentanten der internationalen Paneuropa-Union, Präsident Alain Terrenoire aus Paris und Generalsekretär Pavo Barišić aus Zagreb.

Prof. Pavo Barišić, ehemaliger kroatischer Wissenschafts- und Bildungsminister und als Staatsphilosoph weltweit anerkannter Demokratie-Theoretiker, setzte sich mit der Persönlichkeit und mit der Lehre des Trierer Ehrenbürgers Karl Marx auseinander. Er artikulierte das Unbehagen der zahlreichen Gäste aus den mittel- und osteuropäischen Ländern, das diese auch Jahre nach dem Sturz der marxistischen Diktatur immer noch empfänden. Die internationale Paneuropa-Union werde bei ihrem 100-Jahr-Jubiläum 2022 die beiden zentralen Botschaften ihres Gründers Richard Coudenhove-Kalergi herausarbeiten, nämlich Einigung und Frieden. Diese seien nach wie vor von brennender Aktualität. Barišić, der gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz von Bosnien-Herzegowina, dem Bischof Franjo Komarica von Banja Luka, angereist war, begeisterte das Publikum mit dem Ausblick auf ein Paneuropa-Projekt, das derzeit in der vom Krieg der neunziger Jahre besonders getroffenen Region verwirklicht wird. Im ehemaligen Trappistenkloster Maria Stern baue der Bischof mit der europaweiten Unterstützung der Paneuropa-Union ein Bildungs- und Begegnungszentrum auf, das dem interkulturellen, interreligiösen und interkonfessionellen Dialog dienen wird – und zwar aus paneuropäischem Geist heraus.

Alain Terrenoire warnte Europa vor dem Untergang seiner Zivilisation, wenn es nicht lerne, in den großen Fragen der Weltpolitik mit einer Stimme zu sprechen. Es genüge nicht, von Geopolitik zu reden, sondern sie müsse in gemeinsames europäisches Handeln übersetzt werden. Anhand seines familiären Schicksals legte Terrenoire ein sehr persönliches europäisches Bekenntnis ab. Seine Großmutter sei eine deutsche Jüdin aus Koblenz gewesen und habe in Frankreich den katholischen Glauben angenommen. Sein Großvater und sein Vater seien in den zwanziger Jahren an den Bemühungen des damaligen Ehrenpräsidenten der internationalen Paneuropa-Union und Außenministers Frankreichs Aristide Briand beteiligt gewesen, einen ersten europäischen Anlauf zu unternehmen und so den von ihnen befürchteten Zweiten Weltkrieg zu verhindern. Sein Vater Louis Terrenoire sei als Generalsekretär der französischen Widerstandsbewegung Resistance dann in die Konzentrationslager Dachau und Kempten eingesperrt worden, sodaß er, Alain, ihn erst als Vierjähriger nach dessen Befreiung durch die Alliierten kennengelernt habe. Im Auftrag von General de Gaulle habe Louis Terrenoire nach dem Zweiten Weltkrieg die Paneuropa-Union Frankreich wiederbegründet und als Berichterstatter in der Nationalversammlung den deutsch-französischen Elysée-Vertrag von 1963 verhandelt. „Ich selbst lernte als sein Assistent eine junge Dolmetscherin vom daraufhin geschaffenen Deutsch-Französischen Jugendwerk kennen, die eine heimatvertriebene Schlesierin war und mit mir eine deutsch-französische Ehe schloß. Unsere Tochter lebt heute in München und hat mir gerade einen deutschen Enkel geboren.“ Terrenoire wurde wie Junker mit lang anhaltendem Beifall gefeiert.